Petuschki

das ist eine kleine Stadt nordwestlich von Moskau an der Strecke Moskau – Vladimir.
Berühmt und berüchtigt wurde sie durch das Poem Die Reise nach Petuschki des Dichters Wenedikt Jerofejew.

Das Poem ist der Monolog eines Trinkers, der mit dem Zug nach Petuschki fährt und unterwegs im Trinkgespräch die Welt deutet und auslegt.

Die Arbeit von Cornelie Müller-Gödecke vereinigt Ausschnitte aus dem Monolog mit Momentaufnahmen aus Petuschki im Mai 2002.

Moskau. Restaurant am Kursker Bahnhof

Es gibt nichts Alkoholisches! Himmlische Mutter! Dabei soll der Sherry hier nie ausgehen, wenn man den Engeln glauben darf. Und nun nichts als Musik, und selbst die mit irgendwelchen jaulenden Modulationen. Das ist doch in der Tat Iwan Koslowskij, der da singt. Ich hab ihn ja gleich erkannt, es gibt keine gräßlichere Stimme als seine. Die Sänger haben alle gräßliche Stimmen, nur jeder auf seine Weise. Deshalb unterscheide ich sie leicht nach dem Gehör. Na klar ist das Iwan Koslowskij.

„-o-o du Kelch meiner A-a-ahnen…
O-o-o laß mich dich ansehen im Schein der nächtlichen Stä-ä-ärne… „

Na klar ist das Iwan Koslowskij.
„O-o-o warum bin ich verzaubert von dir …
Verschmä-ähe mich nicht…“

Wollen Sie irgendwas bestellen?

Was haben Sie denn? Nur Musik?

Wieso nur Musik? Es gibt Boeuf Stroganoff, Torte, Euter…

Ich kämpfte wieder mit dem Brechreiz. Und Sherry?

Sherry nicht. Interessant.

Euter gibt es, und Sherry nicht.

Karatscharowo – Tschuchlinka

Mir gefällt das. Es gefällt mir, daß das Volk meines Landes so leere und vorstehende Augen hat. Es erfüllt mich mit dem Gefühl legitimen Stolzes. Man stelle sich vor, wie die Augen dort sind. Wo man alles kaufen und verkaufen kann … tief in ihren Höhlen versteckte, verborgene, habgierige und verängstigte Augen … Geldentwertung, Arbeitslosigket, Verelendung … Mißtrauisch blickende Augen, erfüllt von immerwährender Sorge und Qual .. so sehen die Augen aus in der Welt des Mammon…

Und im Vergleich mein Volk! Was für Augen! Fortwährend nach innen gedreht, aber ohne jede Anspannung. Ohne jeden Sinnm aber dafür – welche Potenz! (Welche Potenz des Geistes!) Diese Augen verkaufen nicht. Sie verkaufen nichts, und sie kaufen nichts. Was immer mit meinem Land passieren würde. In Tagen des Zweifels, in Tagen erdrückender Unsicherheit, in Zeiten der Prüfung und Heimsuchung – diese Augen zucken nicht mit der Wimper. Sie lassen den lieben Gott walten. Mir gefällt mein Volk. Ich bin glücklich, daß ich unter den Blicken dieser Augen geboren und zum Mann herangereift bin.

Reutowo – Nikolskoe

Petuschki – das ist der Ort, wo die Vögel nicht aufhören zu singen, weder am Tage noch bei Nacht, wo sommers wie winters der Jasmin nicht verblüht. Die Erbsünde, wenn es sie denn gegeben hat, tangiert dort niemanden. Sogar die, die wochenlang nicht nüchtern werden, behalten dort ihren klaren, unergründlichen Blick.

Kutschino – Shelesnodoroshnaja

Kann es denn in Petuschki überhaupt etwas Brauchbares geben?

»Es kann,« antworte ich euch. Ich sage das so laut, daß Moskau und Petuschki davon erzittern.

In Moskau, nein, das nicht, aber in Petuschki schon. Na, und wenn schon »Schlunze«. Aber was für eine harmonische Schlunze! Wenn euch interessiert, wo und wie ich sie ausgegraben habe, wenn euch das tatsächlich interessiert, dann hört, ihr Schamlosen, Ich erzähle euch das alles. Ich sagte schon, daß in Petuschki der Jasmin nie verblüht und der Vogelgesang nie verstummt. So auch an jenem Tag, genau vor zwölf Wochen. Es sangen die Vögelein und es blühte der Jasmin. Und außerdem wurde irgend jemandes Geburtstag gefeiert. Es waren Unmengen von Alkoholischem vorhanden. Ich weiß nicht mehr, waren es zehn Flaschen, zwölf oder fünfundzwanzig. Und darüber hinaus war alles da, was sich ein Mensch wünschen kann, der all das ausgetrunken hat, das heißt: einfach alles, vom Faßbier bis zum Flaschenbier. Und was noch, werdet ihr fragen, was war noch da?

Shelesnodoroshnaja – Tschornoje

Ich bin sehr widersprüchlich. Einerseits gefällt es mir, daß sie eine Taille haben und wir keine, das erfüllt mich, wie soll ich sagen? mit »Zärtlichkeit « oder so was. Ja, richtig, das erfüllt mich mit Zärtlichkeit.

Andererseits haben sie Jean Paul Marat mit Federmessern erstochen, Marat, den Unbestechlichen, und das hätten sie nicht tun sollen. Das erstickt in mir jegliche Zärtlichkeit. Einerseits gefällt es mir, wie schon Karl Marx, daß sie schwach sind und beim Pinkeln in die Hocke gehen müssen. Das gefällt mir, das weckt in mir, ja, was weckt das in mir? »Zärtlichkeit« oder so was?

Ja richtig, das weckt Zärtlichkeit in mir. Aber andererseits haben sie mit dem Revolver auf unseren Wladimir Iljitsch geschossen. Auch das erstickt wieder jegliche Zärtlichkeit.

Meinetwegen, sollen sie in die Hocke gehen, aber warum auf Lenin schießen? Wie soll man nach alledem noch Zärtlichkeit fühlen? Lächerlich! Aber ich schweife vom Thema ab..

Tschornoje – Kupawna 1

Doch jetzt heißt es endlich – leben! Und es ist ganz und gar nicht langweilig zu leben! Langweilig war das Leben nur für Nikolai Gogol und König Salomon.

Wenn man schon dreißig Jahre gelebt hat, dann muß man versuchen, noch weitere dreißig zu leben. Jawohl!

»Der Mensch ist sterblich« – das ist meine Meinung. Aber wenn wir nun mal geboren wurden – was bleibt da übrig? Ein Weilchen müssen wir schon leben … »
Das Leben ist schön« – das ist meine Meinung (und die Majakowskis).

Tschornoje – Kupawna 2

Seht ihr, wieviele Rätsel birgt die Natur. Verhängnisvolle und beglückende. Die Welt ist voller weißer Flecken. Und diese hohlköpfige Jugend, die uns ablösen will, scheint gar nicht zu bemerken, welche Geheimnisse das Leben birgt. Ihr fehlen Elan und Initiative. Und ich bezweifle, daß sie überhaupt etwas im Kopf haben.

Was könnte zum Beispiel edler sein als an sich selbst zu experimentieren? Als ich in deren Alter war, pflegte ich es so zu machen: am Donnerstag abend trank ich in einem Zug dreieinhalb Liter Wodka mit Bier aus und ging schlafen, ohne mich auszuziehen.

Ich hatte dabei nur einen Gedanken: werde ich am Freitag morgen aufwachen oder nicht?

Jessino-Frjasewo

… Damit hat alles angefangen – die Fuselpantscherei statt Veuve Clicquot, der Vormarsch der Nichtadeligen, die Ausschweifung und die Chowanschtschina. Diese ganzen Uspenkijs und Pomjalowskijs konnten doch ohne Flasche keine einzige Zeile mehr schreiben! Ich habe es gelesen, ich weiß Bescheid! Sie haben verzweifelt gesoffen! Alle aufrechten Menschen Rußlands! Und warum haben sie alle so verzweifelt gesoffen? Weil sie aufrecht waren, deswegen nämlich, weil sie das schwere Schicksal ihres Volkes nicht mildern konnten! Das Volk erstickte in Armut und Unwissenheit, das können Sie bei Dmitrij Pissarjew nachlesen! Er spricht es ganz deutlich aus: Das Volk kann sich kein Rindfleisch leisten, Wodka ist billiger. Deswegen trinkt der russische Muschik, die Armut treibt ihn in den Suff. Ein Buch kann er sich nicht kaufen, weil es auf dem Markt keinen Gogol und keinen Belinskij gibt, nur Wodka, staatlichen und anderen, zum Mitnehmen, zum Hiertrinken und so weiter. Deswegen trinkt er, wegen seiner Unwissenheit!

Wie soll man da nicht in Verzweiflung geraten, wie soll man da nicht vom Muschik schreiben, wie ihn nicht erretten wollen, wie nicht aus Verzweiflung dem Suff erliegen! Der Sozialdemokrat schreibt und trinkt und trinkt und schreibt. Aber der Muschik liest nicht und trinkt, er trinkt, ohne zu lesen. Darauf steht Uspenskij auf und erhängt sich und Pomjalowskij legt sich in der Kneipe unter den Tresen und krepiert, und Garschin steht auf und stürzt sich im Rausch über das Geländer …

Ussad – Kilometer 105

»Laß doch den letzten Freitag aus dem Spiel. Was hat der mit dem heutigen Freitag zu tun? Letzten Freitag hatte der Zug zum Beispiel fast nirgends Aufenthalt. Und überhaupt waren die Züge früher schneller… Und heute? Der Teufel soll sie holen. Stehen und stehen, und kein Mensch weiß warum. Manchmal könnte einem schlecht davon werden. Stehen und stehen, und so an jedem Baum. Außer Jessino…«

»Jetzt kommst du schon wieder mit dem letzten Freitag. Ich sehe, Wenja, du lebst völlig in der Vergangenheit. Ich sehe, daß du überhaupt nicht an die Zukunft denken willst.«

»Ich bestreite nicht, daß es letzten Freitag um elf Uhr morgens hell war. Doch diesen Freitag kann es um elf Uhr morgens bereits so dunkel sein, daß man die Hand vor Augen nicht mehr sieht. Weißt du eigentlich, wie schnell die Tage heute abnehmen? Weißt du das? Ich sehe, du weißt überhaupt nichts und gibst nur vor, daß du alles weißt.«

Kilometer 105 – Pokrow: wie oft

Der berühmte Stoßarbeiter Alexej Stachanow ging zweimal am Tag ein kleines Geschäft machen und einmal in zwei Tagen ein großes. Wenn es vorkam, daß er sich besoff, ging er viermal am Tag ein kleines Geschäft machen und kein einziges Mal ein großes. Wie oft im Jahr ging der Stoßarbeiter Alexej Stachanow ein kleines Geschäft machen und wie oft ein großes, wenn man davon ausgeht, daß er sich an dreihundertzwölf Tagen im Jahr besoff?

Kilometer 105 – Pokrow: blond

Als die Schiffe der Siebten US-Flotte am Bahnhof in Petuschki anlegten, waren keine Mädchen von der Partei anwesend. Wenn man aber die Komsomolzen zu den Parteimitgliedern zählt, dann war jede dritte von ihnen eine Blondine. Nachdem die Schiffe der Siebten US-Flotte wieder abgelegt hatten, stellte sich folgendes heraus: jede dritte Komsomolzin war vergewaltigt worden, jede vierte Vergewaltigte war Komsomolzin, jede fünfte vergewaltigte Komsomolzin war eine Blondine, jede neunte vergewaltigte Blondine war eine Komsomolzin. Wenn es in Petuschki 428 Mädchen gibt, wieviele parteilose Blondinen von ihnen blieben dann unberührt?

Kilometer 105 – Pokrow:….. Punkt B1

Wie bekannt, gibt es in Petuschki keine Punkte A. Punkte C schon gar nicht. Es gibt nur Punkte B. So. Als der Polarforscher Papanin sich aufmachte, den Flieger Wodopjanow zu retten, ging er auf Punkt B1 los in Richtung Punkt B2. Zum gleichen Zeitpunkt machte sich Wodopjanow auf, um Papanin zu retten. Er ging auf Punkt B2 los in Richtung Punkt B1. Aus irgendeinem Grund kamen beide am Punkt B3 heraus, der zwölf wodopjanowsche Spucklängen vom Punkt B1 entfernt war und sechzehn papaninsche Spucklängen von Punkt B2. Wenn man davon ausgeht, daß Papanin eine Spucklänge von drei Metern und zweiundsiebzig Zentimetern hatte und Wodopjanow überhaupt nicht spucken konnte, war dann Papanin tatsächlich losgegangen, um Wodopjanow zu retten?

Kilometer 105 – Pokrow: Chamberlain

Der Premier des britischen Imperiums, Lord Chamberlain, wollte das Bahnhofsrestaurant in Petuschki verlassen, doch er rutschte auf irgend jemandes Kotze aus und warf im Fallen einen Tisch um. Bis zu seinem Fall befanden sich auf diesem Tisch zwei Stück Torte zu je fünfunddreißig Kopeken, zwei Portionen Boeuf Stroganoff zu je dreiundsiebzig Kopeken, zwei Portionen Euter zu je neununddreißig Kopeken und zwei Karaffen mit je achthundert Gramm Sherry. Sämtliche Scherben blieben ganz, während alle Gerichte unbrauchbar wurden. Mit dem Sherry passierte folgendes: eine Karaffe blieb heil, aber der ganze Sherry war aus ihr bis auf den letzten Tropfen ausgelaufen. Die andere Karaffe zerbrach in tausend Scherben, doch war aus ihr kein einziger Tropfen ausgelaufen. Wenn man davon ausgeht, daß eine leere Karaffe das Dreifache einer Portion Euter kostet (was der Sherry kostet, weiß jedes Kind), wie hoch war dann die Rechnung, die man Lord Chamberlain, dem Premier des Britischen Imperiums, im Kursker Bahnhof präsentierte?

Pokrow – Kilometer 113

Der Mensch darf nicht einsam sein – das ist meine Meinung. Der Mensch muss sich den andern geben, auch wenn ihn keiner haben will. Und wenn er trotzdem einsam bleibt, muß er durch die Abteile laufen. Er muß Menschen finden und ihnen sagen:

»Da bin ich. Ich bin einsam. Ich gebe mich euch restlos (weil ich den Rest eben ausgetrunken habe, ha-ha!)«

Und ihr müßt euch mir geben und mir dann eine Frage beantworten:

»Wohin fahren wir?
Von Moskau nach Petuschki oder von Petuschki nach Moskau?«

Petuschki: Bahnsteig

Danach löste sich natürlich alles in Luft auf. Nebel war das, sagt ihr? Kann schon sein. Ja, es war wohl Nebel. Und wenn ihr meint, es war kein Nebel, es war Feuer und Eis, abwechselnd Feuer und Eis, dann werde ich euch auch nicht widersprechen. Ja, es war wohl Feuer und Eis. Das heißt, zuerst gerinnt das Blut in den Adern, und wenn es erstarrt ist, beginnt es sofort wieder zu kochen, und sobald der Siedepunkt erreicht ist, erstarrt es von neuem.

Petuschki: Bahnhofsplatz

Jemand hat mir einmal gesagt, daß es ganz einfach ist zu sterben; man braucht nur vierzigmal hintereinander ganz tief, so tief wie nur möglich, einzuatmen, und genausoft auszuatmen, aus tiefstem Herzen. Dann wird man seinen Geist aufgeben. Vielleicht sollte ich es versuchen? Doch warte, warte…! Vielleicht sollte ich mich erst nach der Uhrzeit erkundigen? Erkundigen, wie spät es ist…? Aber wen sollte ich fragen, wo doch keine Menschenseele auf dem Platz ist und zwar entschieden keine einzige. Und wenn du tatsächlich einem lebendigen Menschen begegnen würdest, könntest du dann die Lippen öffnen vor Kälte und Kummer? Jawohl, vor Kummer und Kälte .. O Stummheit! Wenn ich einmal sterbe – ich werde sehr bald sterben, das weiß ich – werde ich sterben, ohne diese Welt angenommen zu haben, nachdem ich ihr aus der Nähe und aus der Ferne ins Gesicht gesehen, sie von außen und innen ergründet habe. Ich werde sterben, ohne sie angenommen zu haben, und Er wird mich fragen : »Nun, wie war es dort? Hat es dir gefallen?« Doch ich werde schweigen. Ich werde die Augen senken und schweigen.

Moskau-Petuschki. Im fremden Treppenhaus

Ich hatte nicht gewußt, daß es auf der Welt so einen Schmerz gibt, und krümmte mich vor Qual. Der tiefrote Buchstabe Q erzitterte und zerfloß vor meinen Augen.

Seither habe ich das Bewußtsein nicht mehr erlangt und werde es auch nie mehr erlangen.

 

Die Reise nach Petuschki – Ende.

Die Arbeit von Cornelie Müller-Gödecke vereinigt Ausschnitte aus dem Monolg eines Trinkers von Venedikt Erojeiev mit Momentaufnahmen aus Petuschki .